Dreihundert Jahre Zweisamkeit

Die Ahnen des Karl-May-Verlagsgründers Euchar A. Schmid: Eine exemplarische Familienforschungsgeschichte von Mann und Frau, von Mutter, Vater und Kind in der Oberpfalz und in Franken.

Bei der Suche nach Ahnen gilt einzig das biologische Abstammungsprinzip. Nur unter dieser Prämisse lassen sich Spuren von Vorfahren zurückverfolgen. Das wird hier exemplarisch unternommen mit Blick auf den Stammbaum des Karl-May-Verlagsgründers Euchar A. Schmid, der - von zwei fränkischen Urgroßmüttern abgesehen - ausschließlich in der Oberpfalz wurzelt: vornehmlich in Hetzmannsdorf bei Rötz, in Bärnau unweit der tschechischen Grenze und in Kastl im Lauterachtal.

Der dabei vorgenommene Längsschnitt durch die Geschichte eröffnet punktuell vielschichtige mikrohistorische Kaleidoskope von ortsgebundenen Webern, Bauern und Schustern, von selbstbewussten Frauen mit Hang zum jüngeren Zweitmann, von Bäckern, Fischern und Soldaten. Noch vor 1800 zeigt sich an einem jungen Mann der individuelle Veränderungswille, der vom Land auf die Stadt abzielte und eine nordbayerische Ost-West-Verschiebung der Ahnenreihe nach Franken bewirkte. Einherging der persönliche gesellschaftliche Aufstieg. Der Sohn des Bauern wurde in Bamberg Schneidermeister und zuletzt Weinhändler; dessen Sohn besuchte die Lateinschule, studierte in München und Erlangen, wurde im unterfränkischen Hammelburg königlicher Bezirksamtmann und zog sich als Pensionär mit seiner Frau wieder nach Bamberg zurück. Das unehelich geborene Kind einer Tuchmacherstochter brachte es zum Direktionsrat der Königlich Bayerischen Staatseisenbahn, dessen Sohn zum promovierten Juristen und Verleger. Eheverträge, Besitzübertragungen und Rechtsstreitigkeiten gewähren in Relation zu Mitmenschen, Zeiten und geographischen Räumen frappierende soziologische Aufschlüsse. Lebensbänder werden mit Zeitgeschehen verflochten, so dass auch tödliche Hungersnöte und selbst Napoleon in den Blick geraten. Daneben birgt das Quellenmaterial Stoff für ein unterhaltsames nordbayerisches Decamerone vom siebzehnten bis zum beginnenden zwanzigsten Jahrhundert. 

Die vorliegende Studie summiert wie alle Geschichte Erzählungen der Lebenden von den Toten. Aufgeschrieben dient sie der Vergewisserung eines Selbst, das sich als Erbe und Auftrag versteht. Der Verzicht darauf kappt historische Wurzeln und bahnt den Sturz ins Bodenlose.

Voraussichtliche Fertigstellung des Manuskripts 2027.